Kubismus – Fläche, Raum, Perspektive und Gleichzeitigkeit
Der Kubismus entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts, vor allem mit den Arbeiten von Pablo Picasso und Georges Braque. Ausgangspunkt war die Abkehr von der seit der Renaissance gültigen Vorstellung, ein Bild müsse die sichtbare Welt von einem einzigen festen Standpunkt aus wiedergeben.
Der Kubismus stellte diese Ordnung grundsätzlich infrage. Ein Gegenstand besitzt schließlich nicht nur eine Ansicht. Wir können ihn von vorne, von der Seite und von oben betrachten, wir bewegen uns um ihn herum und setzen diese unterschiedlichen Eindrücke in unserer Wahrnehmung zu einem Ganzen zusammen.
Genau hier setzt der Kubismus an: Er zerlegt Formen und Räume in Flächen, Winkel und Teilansichten und fügt sie auf der Bildfläche neu zusammen.
Beim frühen, sogenannten analytischen Kubismus werden Gegenstände regelrecht untersucht und aufgefächert. Volumen zerfallen in Facetten, Vordergrund und Hintergrund durchdringen sich, unterschiedliche Blickrichtungen erscheinen gleichzeitig. Der Bildraum wird dadurch weniger eindeutig, aber zugleich komplexer.
Mit dem synthetischen Kubismus wurde die Bildsprache später klarer und flächiger. Größere Farbflächen, Zeichen, Schriftfragmente und Collageelemente traten an die Stelle der starken Zergliederung. Das Bild musste einen Gegenstand nun nicht mehr vollständig darstellen. Wenige charakteristische Formen oder Zeichen konnten genügen, um ihn erkennbar zu machen.
Auch hier bedeutet Vereinfachung keine Verarmung, sondern Konzentration. Ein Gegenstand wird auf das reduziert, was für seine Wahrnehmung und seine bildnerische Aussage wesentlich ist.
Eine der entscheidenden Leistungen des Kubismus liegt in seinem neuen Verhältnis von Fläche und Raum. Die Bildfläche wird nicht länger als Fenster verstanden, durch das wir in einen illusionistischen Raum blicken. Sie bleibt als Fläche sichtbar und kann dennoch räumliche Vorstellungen erzeugen.
Der Raum entsteht nicht mehr ausschließlich durch Perspektive und Tiefenillusion, sondern durch Überlagerung, Verschiebung, Größenverhältnisse, Richtungswechsel und das Zusammenspiel von Formen.
Damit verändert der Kubismus auch die Darstellung von Zeit. Wenn mehrere Ansichten eines Gegenstandes gleichzeitig erscheinen, enthält ein einziges Bild gewissermaßen mehrere aufeinanderfolgende Wahrnehmungsmomente. Das Nacheinander wird in die Gleichzeitigkeit der Fläche überführt.
Der Kubismus zeigt daher nicht einfach, wie etwas in einem bestimmten Augenblick aussieht. Er versucht, verschiedene Erfahrungen eines Gegenstandes oder eines Raumes in einem Bild zusammenzuführen.
Seine besondere Stärke liegt deshalb in der Fähigkeit, mehrere Perspektiven, Räume und Wahrnehmungsmomente miteinander in Beziehung zu setzen. Er kann Zusammengehöriges sichtbar machen, obwohl es aus einem einzelnen Standpunkt niemals gleichzeitig zu sehen wäre.
Der Kubismus zerlegt die Wirklichkeit also nicht, um sie aufzulösen.
Er zerlegt sie, um ihre Beziehungen neu sichtbar zu machen.
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